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Über die Freiheit, unfrei zu sein |
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Absenz der Freiheit |
Das Wesen eines Systems zeichnet sich dadurch
aus, systematisch zu sein, weil das System in seiner Systematik systematisch ist. Wäre ein System nicht systematisch, verfügte
es über keinerlei Systematik, kann es kein System sein. Denn nur ein System, das systematisch
ist, ist auch ein System, das in seiner Systematik systematisch ist. – Wundervoll erhellend! Das klingt nach einer unnötigen, lächerlich-redundanten Doppelung und Vermehrfachung,
tönt nach einer zirkulären Position,
deren ganzes Vermögen darin besteht, sich im Kreise zu drehen, wie ein Karussell, das uns immer wieder auf prächtig-hochglanzlackierten
Kitschtierchen in statischer Auf- und Abbewegtheit zum Ausgangspunkt unserer Fahrt mechanisch zurückführt. Es scheint uns fortzuführen und doch dreht es uns immer wieder zum Ursprung zurück, hält uns gefangen, verwahrt uns in Unfreiheit. Im System gibt es keine Freiheit! Oder vielleicht doch?
Jener systemisch-systematische Kreissatz
beelustigt.
Gleichsam strapaziert er die Nerven, weil er nur denkbar wenig Erkenntnis darüber erbringt, was ein solch systematisches System
denn nun eigentlich ist. Er selbst präsentiert
sich als ein Beispiel für ein zirkuläres System, in dessen oberflächlichen Spiel der Worte man sich systematisch verliert und irgendwann im Zorn über den mangelnden Tiefgang der Erkenntnis verglüht. In runder Regelmäßigkeit funktioniert er und versucht, sich einzig durch sich selbst zu erklären, und doch erklärt er in seinem Erklären nichts. Er gibt alles, worüber er verfügt, und dieses
Alles ist ein bedauerliches Nichts. |
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Paradiesische Systeme |
Was also sind Systeme? Systeme sind paradiesisch!
Alles in ihnen arbeitet nach einem vorgegebenen
Regelwerk, einer Systematik. Die Regeln verbinden die Elemente eines Systems und bringen sie in Wechselbeziehungen. Die Gesamtheit der Wechselbeziehungen und der Elemente beschreibt ein ganzes System, eine widerspruchsfreie Einheit, die Grenzen hat, nämlich den Widerspruch. Alles, was nicht zu den Elementen und dem Regelwerk gehört, ist nicht des Systems. Folglich befindet sich in einem System nur das Gute, weil das Böse, das für ein System schlecht wäre, ausgeschlossen wird. Wo gibt es nur Gutes, wo fehlt vollkommen
das Böse, wenn nicht im Paradies?
Paradies, jener griechisch-persische Begriff, heißt nichts anderes als umschlossener Ort. Eine gewaltig-gestalterische Außenmacht, Gott, hatte es erschaffen, mit all seinen Elementen.
Alles war von Gott gegeben, er hatte ein sorgen- und leidfreies Regelwerk aufgestellt,
das unterschiedlichste Bestandteile in dem umschlossenen Ort miteinander verband.
Das Paradies war eine funktionierende,
vegetierende, nicht sich selbst reflektierende Einheit von begrenztem Raum, Pflanzen, Tieren,
Menschen und auch Gott. Es herrschten paradiesische Zustände: Das Ganze war in sich
gut. Es gab keinerlei Widersprüche, die das System gefährdet hätten.
Keinerlei Widersprüche? – Fast keine! Denn Gott erlaubte den Menschen alles, außer von dem Baum der Erkenntnis zu essen. Erkenntnis
gehörte nicht zu dem Regelwerk des
paradiesischen Systems, in dem doch alles gut war, so wie es war, in dem niemand erkennen durfte – der allwissende Gott ausgeschlossen. Das Verbot sanktionierte bedrohlich den systemkritischen
Widerspruch. Jedoch: Verstand und Erkenntnis sind Frauensache! Sie erschienen
Eva süß und köstlich. Trotz der angedrohten
Sanktionen mußte sie Systemkritik und Widerspruch üben.
Von der Schlange verführt, wollte Eva die Erkenntnis erlangen und verstieß prompt mit ihrem Mann gegen eine systemische Regel. Die paradiesische Einheit zerbrach mit dem Biß in die verbotene Frucht.
Die ersten Menschen funktionierten nicht mehr so, wie Gott es gewollt hatte. Die göttliche Reaktion: Ausschluß! Die Erkenntnis:
Oppositioneller Widerspruch und System passen schlecht zusammen. Ein System muß widerspruchsfrei funktionieren. Adam und Eva hatten sich durch ihren menschlichen Erkenntnisdrang
von diesem hyper-behütenden, paradiesischen System befreit: Die ersten vegetativen Menschen wurden zu den ersten denkenden Menschen.
– In der Mißachtung der Regeln des Systems liegen ein gutes Stück menschlicher Freiheit und zumindest ein Hauch des freien Willens. |
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Menschliche Freiheit im Unfreien |
Im System verliert sich der Mensch. Denn nur wenn er bereit ist, sich in das Regelwerk affirmativ einzubinden, um ein Bestandteil von ihm zu werden, ist er auch tatsächlich Teil des Systems. Der systematisierte Mensch muß sich an dessen Regeln halten, sonst gefährdet er es. Schnell zerbricht durch das menschliche Handeln und durch allzu dominante,
menschliche Eingriffe ein System, das zuvor fehlerfrei funktionierte. Eva und Adam sind eindeutig zu weit gegangen mit ihrem Regelbruch, sie zerstörten das funktionierende
System „Paradies“ in ihrer menschlichen Art; sie nahmen sich zuviel Freiheit heraus.
Ganz anders der Künstler Christian Heß. Er lotet in seinen Arbeiten die menschliche Freiheit in der systemischen Unfreiheit aus. Das Vergnügen am Umgang mit Systemen und Systematiken, an den Regelwerken der Systeme,
die systematisch zwingend sind und dann doch durch das menschliche Gestalten bis zu einem gewissen Punkt individuell ausgereizt werden können, zeigt sich in all seinen Zeichnungen,
Skulpturen und Plastiken. Er spielt mit dem Verschwinden und mit der mehr oder minder dominanten Präsenz des Gestalters in den Systematiken der Systeme.
Oft wandelt er auf dem dünnen Grat zwischen Konformität und gezielter Rebellion gegen die Regelwerke, denen er sich widmet. Ein gutes Beispiel dafür sind seine Zeichnungen, Kreis, Quadrat und Kreuz, die sich aus kleinen Quadraten zusammensetzen. |
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| Text von Stefan Lindl |
Die Grundlage für diese Zeichnungen sind formal-systematische Vorgaben: Ein Kreis ist kreisrund, ein aus gleichlangen Balken bestehendes Schweizerkreuz, das gekippt auf zwei Balkenecken steht, ist ebenso klar definiert wie ein auf einer Ecke stehendes Quadrat. Zu den systematischen Vorgaben gehört auch die Anzahl der Quadrate und Quadratreihen, aus denen sich die Formen ergeben sollen. Würde Christian Heß mit diesen
Regeln einen Computer füttern, der die gestalterische Aufgabe übernehmen sollte, ergäben sich regelmäßige Formen, die sich alle auf die exakt dargestellten Seitenlängen
der kleinen Grundquadrate zurückführen
ließen. Die Maschine, die strikt nach der Systematik
arbeitete, ließe keine Asymmetrie zu. Gleiches Maß für alles!
Nicht so bei dem System-Rebellen Heß. Wenn er mit einer bestimmten Anzahl von Quadraten
und Reihen Kreuz und Kreis mit Tusche und Feder zeichnet, entstehen Zerrgebilde. Aus dem Kreis wird eine Ellipse, aus dem gekippten Schweizerkreuz wird ein langgezogenes
Andreaskreuz, das Quadrat verwandelt sich in eine Raute. Die Formen ziehen sich, verformen sich, verlieren ihre vorbestimmte
Symmetrie, sind eigen. Zwar verwendet Christian Heß kleine Quadrate, wie es auch der Computer tun würde, aber die sind nicht immer gleich maschinell exakt, sondern menschlich individuell. Einmal größer einmal kleiner, einmal länger, einmal breiter, einmal dünner, einmal dicker, intensiver, blasser.
Je nach Konzentration, je nach feinmotorischem
Vermögen sowie Unvermögen, je nach Tintenmenge an der Feder. Es offenbart sich die Freiheit im Unfreien: Den systematischen Bedingungen „aus kleinen Quadraten Kreuz, Quadrat und Kreis zeichnen“ entzieht sich der Gestalter Heß keineswegs. Aber er erfüllt sie menschlich. Er begibt sich mit seiner Gestaltung
in die Unfreiheit einer Systematik, seinen individuellen Möglichkeiten bleibt er jedoch treu, gestalterisch frei zu sein. Entfliehend,
nicht-entfliehend verharrt er im System.
Anders gesagt: Christian Heß verläßt System und Systematik, ohne sie zu verlassen. Hätte
er an Stelle von Eva nach der Frucht des Baums der Erkenntnis gegriffen, er hätte es sicherlich auf seine rebellisch-subtile Weise getan: Gott wäre irritiert gewesen!
Christian Heß sucht Freiheit und wohl auch den freien Willen in der umfassenden systematischen
Unfreiheit und entdeckt dabei die Einzigartigkeit menschlichen Gestaltens. – Eine hoffnungsvolle Allegorie auf das tägliche
Leben? |
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| Iris Trübswetter |
Rätsel gibt auch die Serie „Herzen“ auf, die auf der Form eines eleganten symmetrischen Herzens beruht, wie man es für Liebeserklärungen
bemüht, auf Spielkarten abbildet oder gar zum Plätzchenausstechen verwendet.
Diese Herzform ist an den Anschnitten erkennbar, und bildet dann durchgehend
den Körper der Skulptur. In einzelnen Bögen gezogen, unterschiedlich zusammengesetzt, raffiniert über Kippachsen in der dritten Dimension sich wie Schlangen aufrichtend. Die Herzform erweist sich als komplex, annähernd
zwei Halbkreise und ein Dreieck, die schmale Spitze unten, die breiten Schultern oben. Eine raffinierte geometrische Durchdringung,
die das Material Beton in scheinbarer
Leichtigkeit in schlangenähnlicher Wendigkeit darstellt, und durchaus bewusst auch inhaltlich die Assoziationen der Herzform
zur Diskussion stellt:
Das Herz ein Sinnbild der Emotion schlechthin,
der Liebe, der Güte, der Aufregung, des Schmerzes, Sacré Coeur, das durchbohrte Herz Mariens, das gebrochene Herz, herzliche
Grüße, herzlichen Dank.
Als junger Künstler, der noch nicht so lange die Akademie absolviert hat, ist Christian Heß mit seiner Arbeit erstaunlich zeitfremd. Die laute Kunst der neuen figurativen Malerei,
die teilweise auch in die Bildhauerei überschwappt, ist genauso wenig sein Thema wie die neuen Medien, die gerade von jungen Künstlern vehement aufgegriffen werden. Von der Keramik kommend, eroberte er für sich das außerordentlich neutrale Material Beton. Der konkreten Kunst nahe stehend, vermied er stets Abbilder zu schaffen, ja dies geht soweit, dass er selbst geometrische
Formen wie etwa Kreise bei seinen Zeichnungen verfremdet.
Wahrnehmungsprozesse in Gang zu setzen und zu hinterfragen ist ein zentrales Thema der Kunst. Hier setzt Heß mit seinen Strategien
des Verbergens an: so wie sich das Profil in den Ringen der Serie „Stammbaum“ verbirgt, verbirgt sich der Kreis im Oval der Zeichnung, verbirgt sich die emotionale Komponente
des Herzens in der Starre des Betons, verbirgt sich die Vielzahl der kleinen Formen in der großen. Wir lernen das Muster der Unordnung
in der Ordnung zu sehen, die verborgene
Komplexität einer Form zu begreifen, das Offensichtliche zu hinterfragen. „Wir haben weder außergewöhnliche Dinge noch neue Praktiken gesehen, denn wir haben weder
das Spektakuläre noch das Neue gesucht,“ schrieb die Kuratorin Stephanie Mosdon Tremblay im Katalog zur manifesta 4 . Auch hier ging es um junge Kunst, die wert ist gezeigt
zu werden. Vielleicht passt dieses Diktum
auch auf das minimalistische Werk von Christian Heß, wenn nicht spektakulär so doch interessant und notwendig und geprägt von unverwechselbaren eigenen Ideen. |
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